Kann Suno einen zurückhaltenden Midnight Blues spielen, ohne daraus am Ende doch Rock zu machen? Unser drittes Casting lieferte vier Songs, drei musikalische Richtungen – und möglicherweise die Idee für ein weiteres Album.

Vom Jazzclub in die Bluesbar

Das zweite Album von Friday Morning Music soll musikalisch eine neue Welt öffnen: Jazz, Swing, Blues und weitere jazzige Elemente. Bevor wir dafür unser virtuelles Studio und den Music-Generator-Workflow umbauen, testen wir systematisch, welche Rollen Suno v5.5 tatsächlich überzeugend übernehmen kann.

Nach einer instrumentalen Jazzballade und einem Medium-Swing-Test war diesmal der Blues an der Reihe. Die zentrale Frage lautete:

Kann Suno einen intimen akustischen 12-Bar-Blues mit glaubwürdigem Shuffle-Pocket, männlichem Bariton und Call-and-Response erzeugen, ohne in Bluesrock oder Soulrock abzudriften?

Der Arbeitstitel war fast zwangsläufig: „The Long Way Home“.

Der Versuchsaufbau

Der Song sollte wie eine kleine Late-Night-Session klingen: warme, leicht raue männliche Stimme, Piano, Kontrabass, zurückhaltende Brushes und ein lyrisches Tenorsaxofon. Keine Rockdramaturgie, kein großes Gitarrensolo, kein Gospelchor und keine schweren Drums.

Im Lyrics-Feld erhielt Suno eine ausführliche Form:

  • vier Takte instrumentales Intro,
  • mehrere klar bezeichnete 12-Bar-Blues-Chorusse,
  • kurze Antworten des Saxofons auf die Stimme,
  • ein vollständiger 12-taktiger Piano-Solo-Chorus,
  • ruhiges instrumentales Outro.

Die Parameter blieben unverändert:

Parameter Einstellung
Modell Suno v5.5
Weirdness 50 %
Style Influence 50 %
Ziel ungefähr 3 Minuten
Anzahl vier Versionen aus zwei Generierungsläufen

Viermal fast genau drei Minuten

Die Formsteuerung funktionierte erneut bemerkenswert stabil:

Version Laufzeit
V1 2:59,83
V2 3:02,11
V3 2:59,35
V4 2:59,47
Durchschnitt 3:00,19

Damit bestätigt sich unsere Erkenntnis aus dem vorherigen Swing-Test inzwischen auch genreübergreifend:

Nicht die Textmenge entscheidet über die Songlänge. Eine konkrete musikalische Form im Lyrics-Feld kann Suno sehr zuverlässig zu einer vollständigen Drei-Minuten-Struktur führen.

Die eigentliche Überraschung lag diesmal allerdings nicht in der Länge, sondern in dem, was Suno innerhalb dieser Form daraus machte.

Ein Prompt, drei verschiedene Bluesräume

V1 und V2 hielten sich weitgehend an die Bestellung. Beide klingen wie klassische, zurückhaltende Midnight-Blues-Versionen. V2 besitzt dabei ein besonders schönes Piano-Solo. Das Saxofon mischt sich stärker ein als erwartet, war allerdings nicht vollständig zum Schweigen verpflichtet: Es durfte im Prompt gelegentlich begleiten.

V3 beginnt ebenfalls vergleichsweise brav und nah an unseren Vorgaben. Dann öffnet sich das Arrangement: Bläsersatz, E-Gitarre und Background Vocals kommen hinzu. Aus dem intimen Club-Blues entsteht eine sehr überzeugende Mischung aus Midnight Blues und einer größeren, dramatischeren Produktion.

V4 geht noch weiter. Die Stimme ist rauchiger, das Saxofon ausgesprochen variantenreich und die Dramaturgie deutlich größer. Aus dem Late-Night-Blues wird beinahe ein Rock-Blues – obwohl E-Gitarre, Rock und große Steigerungen ausdrücklich ausgeschlossen waren.

Richtung Versionen Charakter
Midnight Blues V1 und V2 klassisch, intim, akustisch und kontrolliert
Crossroads Blues V3 beginnt zurückhaltend und öffnet sich später zu Bläsern, E-Gitarre und Background Vocals
Dramatic Rock-Blues V4 rauchiger, variantenreicher und stark dramaturgisch aufgebaut

Das Interessante daran: Die vier Versionen entstanden mit identischem Prompt und identischen Parametern. Suno setzte also keine feste Partitur um, sondern interpretierte einen musikalischen Möglichkeitsraum.

Hörlabor: Welche Richtung führt nach Hause?

Hier sollen künftig nicht nur unsere Beschreibungen stehen. Die Leserinnen und Leser können die entscheidenden Ausschnitte selbst vergleichen.

Hörbeispiel V4: Dramatic Rock-Blues

Hörfrage: Ist das noch Jazz-Blues – oder bereits der Beginn eines ganz anderen Albums?

Lernt Suno unseren Musikgeschmack?

Da das Saxofon inzwischen ein fester Bestandteil unserer Musik-DNA ist, stellte sich zwangsläufig die Frage, ob Suno unsere Vorlieben aus früheren Produktionen übernimmt.

Suno v5.5 besitzt mit „My Taste“ tatsächlich eine Personalisierungsfunktion, die unter anderem häufig verwendete Genres, Stimmungen sowie Hör- und Erstellungsgewohnheiten berücksichtigt. Laut Suno wirkt sie insbesondere bei der automatischen Erweiterung von Style-Beschreibungen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jeder manuell eingegebene Custom-Prompt unbemerkt mit der persönlichen Musikgeschichte vermischt wird. Suno: My Taste

In unserem Test war die einfachere Erklärung naheliegender: Wir hatten das Saxofon ausdrücklich als Teil des Ensembles und als Antwort auf die Stimme vorgesehen. Dass es sich beteiligt, war also gewollt. Wie viel Raum es sich nimmt, blieb dagegen deutlich weniger kontrollierbar.

Die E-Gitarre in V3 und V4 war eine echte Regelabweichung. Ob hier eine allgemeine Blues-Assoziation des Modells, persönliche Geschmacksdaten oder schlicht die normale Streuung der Generierung eine Rolle spielte, lässt sich aus diesem Test nicht sicher ableiten.

Wie lässt sich das reproduzieren?

Die exakten Songs können wir nicht verlässlich kopieren. Reproduzierbar werden können aber ihre musikalischen Korridore.

Was in V3 und V4 zufällig geschah, müsste dafür beim nächsten Mal ausdrücklich Teil der Dramaturgie werden:

Midnight Session

Akustisches Quartett, zurückhaltender Bariton, Piano-Solo, Brushes, keine E-Gitarre, keine Background Vocals und keine große Schlusssteigerung.

Crossroads Session

Intimer akustischer Beginn; erst in der zweiten Hälfte eine kontrollierte Öffnung mit dezentem Bläsersatz, einzelnen cleanen E-Gitarren-Antworten und warmen Background Vocals.

Dramatic Blues Session

Kleiner atmosphärischer Beginn, anschließend bewusster Aufbau zu einem emotionalen Rock-Blues-Finale mit rauer Stimme, variantenreichem Saxofon und größerer Band.

Für den späteren Workflow spricht das gegen einen einzigen starren Blues-Spezialisten. Sinnvoller wäre ein Bluesstudio mit drei auswählbaren Produktionsmodi – ergänzt um die Regel, dass eine ungeplante Abweichung nicht automatisch entfernt wird, wenn sie den Song musikalisch stärker macht.

Vielleicht gehört der Midnight Blues gar nicht auf das Jazzalbum

Während des Hörens entstand noch eine andere Idee: Vielleicht sollten die klassischen Midnight-Blues-Versionen gar nicht Teil des geplanten Jazzalbums werden.

V1 und V2 besitzen eine eigene Qualität. Sie drängen sich nicht in den Vordergrund, schaffen Atmosphäre und könnten als musikalische Begleitung durch einen ruhigen Abend funktionieren. Daraus könnte später ein eigenes Album entstehen: geschlossen, warm, unaufgeregt und bewusst weniger dramatisch.

Das Jazzalbum dürfte dann freier bleiben: mit stärkeren Dialogen, überraschenden Instrumenten, Brüchen und improvisatorischer Entwicklung. Ein mögliches Midnight-Blues-Album hätte dagegen einen klaren Nutzen als zusammenhängender Klangraum.

Noch ist das keine Produktionsentscheidung. Aber es ist genau die Art von Idee, für die wir diese Tests durchführen.

Ergebnis: Test bestanden – und das Studio wird größer

Prüffrage Ergebnis
Stabile Drei-Minuten-Form Bestanden – vier von vier Versionen
Glaubwürdiger klassischer Midnight Blues Bestanden – besonders V1 und V2
Piano als improvisierendes Instrument Bestanden – besonders V2
Stimme mit rauem Bluescharakter Teilweise – deutlich stärker in V3 und V4
Vermeidung von E-Gitarre und Rockelementen Nicht zuverlässig bestanden
Musikalische Qualität der Abweichungen Überraschend hoch
Reproduzierbarkeit der drei Richtungen Als nächster Workflow-Schritt zu entwickeln

Aus einem Test wurden damit drei Studios. Und möglicherweise aus einem geplanten Album irgendwann zwei.

Jetzt interessiert uns die zusätzliche Perspektive aus dem Publikum:

Welche Richtung würdet ihr weiterverfolgen – Midnight Blues, Crossroads Blues oder Dramatic Rock-Blues? Und ist eine unerlaubte E-Gitarre ein Produktionsfehler, wenn sie den Song besser macht?


Behind the Music dokumentiert die Entwicklung von Friday Morning Music und die kreative Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI – mit Tests, Irrtümern, Korrekturen, überraschenden Studiogästen und Entscheidungen, die erst beim gemeinsamen Hören entstehen.