Teaser: Für das zweite Album soll sich das virtuelle Studio von Friday Morning Music musikalisch vollständig neu aufstellen. Bevor wir dafür neue KI-Produzenten und Jazz-Spezialisten entwickeln, musste Suno v5.5 zum Casting antreten. Der erste Test: eine instrumentale Jazzballade mit viel Raum, feinen Brushes, einem lyrischen Saxofon und einem Motiv, das sich im Verlauf des Stücks weiterentwickelt.
Das erste Album „Freedom“ ist veröffentlicht. Eigentlich wäre jetzt ein guter Moment, kurz durchzuatmen. Aber ein virtuelles Musikstudio kennt offenbar dieselbe Regel wie ein echtes: Nach dem Album ist vor dem Album.
Das zweite Projekt soll musikalisch in eine völlig andere Richtung gehen. Statt Rock, Soul Rock, Funk und Dance Pop stehen diesmal Jazz, Swing, Blues und weitere jazzige Elemente im Mittelpunkt. Dafür können wir nicht einfach im bestehenden Music Generator den Begriff „Rock“ durch „Jazz“ ersetzen. Ein anderes Genre braucht andere Produzenten, andere Studiomusiker – und möglicherweise sogar eine andere Vorstellung davon, was ein Song überhaupt sein kann.
Bevor wir aber unser virtuelles Studio umbauen, wollten wir eine grundlegende Frage beantworten:
Wie gut kann Suno heute tatsächlich mit Jazz umgehen?
Nicht nur mit dem Klangetikett „Jazz“, sondern mit den Dingen, die diese Musik interessant machen: Raum, Zurückhaltung, musikalisches Zuhören, Motiventwicklung und das Gespräch zwischen Instrumenten.
Der erste Casting-Auftrag
Für den ersten Test wählten wir bewusst keine Big Band, keinen komplizierten Takt und keinen virtuosen Bebop. Die Aufgabe sollte überschaubar sein und trotzdem zeigen, ob Suno musikalische Beziehungen versteht.
Gesucht wurde eine intime instrumentale Jazzballade bei ungefähr 68 BPM. Die Besetzung: Tenorsaxofon, Flügel, Kontrabass und zurückhaltend gespielte Brushes. Das Saxofon sollte ein einfaches Vier-Ton-Motiv vorstellen. Das Piano sollte darauf antworten. Anschließend sollte das Ensemble dieses Motiv behutsam verändern, bevor es am Ende in reduzierter Form zurückkehrt.
Der auf 1.000 Zeichen optimierte Style-Prompt lautete:
Instrumental contemporary jazz ballad, approx. 68 BPM. Intimate acoustic quartet: warm lyrical tenor saxophone, grand piano, upright bass and softly brushed drums. Spacious natural studio sound, human timing, restrained dynamics and plenty of silence between phrases. Begin with a short rubato piano intro. Tenor sax introduces a simple, memorable four-note motif; piano answers gently. Develop and vary the motif through subtle harmonic changes, melodic fragments and quiet ensemble conversation. Build gradually without becoming loud: intimate opening, gentle development, expressive but controlled sax improvisation, sparse piano reflection, then a reduced return of the original motif. End quietly and slightly unresolved with piano, bass and one final soft sax phrase. Brushes remain delicate throughout. Warm acoustic sound, elegant restraint, musicians listening and responding. No dramatic climax, dense arrangement, virtuoso display, smooth-jazz gloss or pop structure.
Zusätzlich wurden Vocals, Scat, Streicher, Synthesizer, elektronische Drums, Smooth Jazz, Poprefrains und cineastische Klangsteigerungen ausgeschlossen.
Die Testbedingungen blieben bei allen vier Generationen identisch:
- Modell: Suno v5.5
- Songmodus: Instrumental
- Weirdness: 50 Prozent
- Stileinfluss: 50 Prozent
- Prompt und Exclude-Feld: unverändert
- Nachbearbeitung: keine
Damit wollten wir nicht die schönste Zufallsversion finden, sondern beobachten, wie zuverlässig Suno denselben Auftrag viermal interpretiert.
Viermal derselbe Auftrag – vier unterschiedliche Gespräche
Alle vier Stücke erhielten den Arbeitstitel „Quiet Conversation“. Und tatsächlich klangen sie wie Mitglieder derselben musikalischen Familie. Das Tempo war langsam, die Stimmung warm und nachdenklich, das Tenorsaxofon melodisch und kontrolliert. Keine Version rutschte in Pop, orchestrale Filmmusik oder überpolierten Smooth Jazz ab.
Trotzdem unterschieden sich die Ergebnisse deutlich.
| Version | Länge | Charakter | Bewertung |
|---|---|---|---|
| Quiet Conversation 1 | 3:35 | emotional geschlossen, starker Dialog zwischen Saxofon und Piano | 42/50 |
| Quiet Conversation 2 | 3:08 | kompakter, lauter und stärker ausproduziert | 36/50 |
| Quiet Conversation 3 | 3:08 | offen, fragil und am stärksten improvisatorisch | 42/50 |
| Quiet Conversation 4 | 2:19 | zurückhaltend und stimmig, aber kürzer entwickelt | 40/50 |
Die Spannweite der Länge allein war bemerkenswert: Bei identischen Einstellungen entstanden Stücke zwischen 2:19 und 3:35 Minuten. Auch Dynamik, Raumgefühl und Intensitätsverlauf variierten deutlich.
Was Suno zuverlässig verstanden hat
Das erste Ergebnis ist klar: Suno v5.5 kann eine instrumentale Jazzballade überzeugend erzeugen.
Über alle vier Versionen hinweg funktionierten besonders gut:
- die akustische Quartettanmutung,
- das langsame Tempo,
- die zurückhaltenden Brushes,
- das warme, lyrische Tenorsaxofon,
- die nachdenkliche Atmosphäre,
- der Verzicht auf Popstruktur und großen Showeffekt,
- ein kontrollierter, meist ruhiger Ausklang.
Vor allem das Saxofon bestand das Casting beinahe sofort. Es klang in allen vier Fassungen wie ein emotionaler Erzähler und nicht wie ein Instrument, das nur möglichst viele Töne unterbringen möchte.
Wo aus einer Anweisung eine Anregung wurde
Schwieriger waren die kompositorischen Details.
Alle vier Fassungen besaßen eine erkennbare melodische Idee. Das ausdrücklich verlangte Vier-Ton-Motiv wurde aber nicht so eindeutig vorgestellt, zerlegt, verändert und später wieder zusammengesetzt, wie es ein menschlicher Arrangeur vermutlich geplant hätte. Suno verstand die Vorgabe eher als Wunsch nach einem prägnanten melodischen Ausgangspunkt.
Auch die beschriebene Abfolge – Rubato-Piano, Saxofonmotiv, Entwicklung, Improvisation, Pianoreflexion und reduzierte Rückkehr – wurde nicht wie ein verbindlicher Bauplan ausgeführt. Sie wirkte eher als dramaturgische Inspiration.
Das führt zu einer ersten belastbaren Erkenntnis:
Klangliche Eigenschaften setzt Suno v5.5 relativ zuverlässig um. Musikalische Beziehungen und konkrete Formvorgaben interpretiert es deutlich freier.
Oder etwas weniger technisch formuliert: Suno versteht sehr gut, wie eine leise Jazzballade klingen soll. Ob die Musiker dabei genau in der vereinbarten Reihenfolge miteinander sprechen, entscheidet das Modell weiterhin selbst.
Dann widersprach der Mensch der KI
Auch unsere gemeinsame Bewertung wurde Teil des Experiments.
In der ersten Analyse erhielt Version 1 zunächst 39 von 50 Punkten. Die KI bewertete den Dialog zwischen Saxofon und Piano, die Dramaturgie und die emotionale Wirkung etwas zurückhaltender. Markus hörte dagegen gerade in diesen Punkten eine klare musikalische Unterhaltung und einen sehr ansprechenden Spannungsbogen.
Nach der gemeinsamen Diskussion wurde die Bewertung auf 42 Punkte korrigiert.
Das war kein Fehler im Test, sondern vielleicht dessen wichtigster Moment. Technische Analyse kann Dynamik, Tempo, Lautheit und strukturelle Veränderungen sichtbar machen. Sie kann auch prüfen, ob eine Anweisung wahrscheinlich umgesetzt wurde. Was sie nicht abschließend bestimmen kann, ist die persönliche Bedeutung einer Aufnahme.
Deshalb unterscheiden wir künftig zwei Perspektiven:
- Analytische Bewertung: Prompttreue, Form, Dynamik, Instrumentierung und technische Eigenschaften.
- Künstlerische Bewertung: emotionale Wirkung, musikalisches Gespräch und persönliche Resonanz.
Die KI darf analysieren, begründen und auch widersprechen. Die künstlerische Entscheidung bleibt beim Menschen.
Hat die erste Jazz-Signature das Casting bestanden?
Ja.
Eine Instrumental Jazz Ballad Signature wird voraussichtlich Teil des neuen virtuellen Jazzstudios. Ihre belastbare musikalische DNA könnte so aussehen:
- intimes akustisches Jazzquartett,
- lyrisches Tenorsaxofon als emotionaler Erzähler,
- Piano, Kontrabass und Brushes,
- langsames Tempo zwischen etwa 64 und 72 BPM,
- natürliche Dynamik und zurückhaltende Produktion,
- keine Popstruktur,
- kein dramatischer Höhepunkt,
- ruhiges Zusammenspiel,
- behutsame thematische Entwicklung,
- nachdenkliches, leicht offenes Ende.
Das exakt definierte Vier-Ton-Motiv und eine feste Abschnittsfolge werden dagegen keine unverrückbaren Regeln. Sie bleiben songbezogene Wünsche, deren Umsetzung geprüft und gegebenenfalls in einer weiteren Produktionsrunde bearbeitet wird.
Unser erstes Learning aus dem Jazzstudio
Das neue Studio hat noch keine fertige Besetzung. Aber der erste Musiker darf vermutlich bleiben.
Suno bestand die Rolle des Saxofonisten sofort. Schwieriger war die Regieanweisung, zwischen den Tönen auch wirklich nichts zu spielen.
Und genau deshalb führen wir dieses Casting durch, bevor wir neue Workflows und KI-Spezialisten bauen. Nicht jede theoretisch gute Idee funktioniert musikalisch. Nicht jede Promptanweisung wird zur verbindlichen Komposition. Und nicht jede messbare Abweichung macht ein Stück schlechter.
Die nächste Casting-Runde wird zeigen, ob Suno auch einen Medium Swing mit kurzem Text glaubwürdig umsetzen kann – ohne daraus einen Popsong im Retro-Anzug zu machen.
Das Jazzstudio ist eröffnet.





