Kann Suno längere Jazz-Improvisationen – oder bleibt nach wenigen Takten schon wieder die Tür zum Club zu? Unser zweiter Test begann mit einem Fehlschluss und endete mit einer ausgesprochen produktiven Regelverletzung.

Die offene Frage nach dem ersten Swing-Test

Für das zweite Album von Friday Morning Music soll ein neues virtuelles Studio entstehen: nicht als umgebautes Rockstudio, sondern als eigene Besetzung für Jazz, Swing, Blues und verwandte Klangwelten.

Im ersten Jazz-Casting hatte Suno v5.5 bereits gezeigt, dass es eine lyrische instrumentale Jazzballade mit Saxofon, Piano, Bass und Brushes überzeugend gestalten kann. Im nächsten Schritt wollten wir wissen, wie Suno mit einem kurzen Gesangstext umgeht. Die Idee dahinter war typisch Jazz: weniger Text, mehr Luft, die Stimme als Teil des Ensembles und zusätzlicher Raum für Improvisation.

Das Ergebnis war zunächst ernüchternd. Obwohl eine Dauer von ungefähr drei Minuten vorgegeben war, blieben alle vier Versionen deutlich kürzer:

Version Laufzeit
V1 1:24,84
V2 1:23,95
V3 1:07,97
V4 2:04,03

V4 war musikalisch die stärkste Fassung: gutes Intro, längere Saxofonpassagen und ein schönes Duett am Ende. Trotzdem improvisierte im Wesentlichen nur das Saxofon; die übrigen Instrumente begleiteten.

Die erste Vermutung lag nahe: Vielleicht kann Suno mit kurzen Lyrics keine längeren Songs bauen. Doch genau an dieser Stelle mussten wir unsere eigene Analyse korrigieren. Der Test hatte nur gezeigt, dass Suno die gewünschten Improvisationen in dieser Versuchsanordnung nicht geliefert hatte. Er hatte noch nicht beantwortet, ob Suno längere Improvisationen grundsätzlich erzeugen kann.

Also brauchten wir keinen vorschnellen Umbau des Workflows, sondern einen saubereren Test.

Der neue Versuchsaufbau

Diesmal sollte möglichst genau eine offene Frage untersucht werden:

Kann Suno v5.5 innerhalb eines Vocal-Jazz-Songs eine längere, zusammenhängende Saxofon-Improvisation entwickeln?

Die musikalische Grundidee blieb erhalten: Medium Swing, kleines akustisches Ensemble, Piano, Kontrabass, Brushes und Tenorsaxofon. Der kurze Text von „Leave a Little Room“ blieb ebenfalls bestehen. Neu war eine ausführliche Formbeschreibung direkt im Lyrics-Feld:

  • acht Takte instrumentales Intro,
  • zwei kurze gesungene A-Teile,
  • ein ausdrücklich verlangtes Saxofonsolo über 32 Takte,
  • Rückkehr zum Gesang,
  • finales Wechselspiel zwischen Stimme und Saxofon,
  • acht Takte Outro.

Als bewusste zusätzliche Variation kam erstmals eine warme weibliche Altstimme hinzu. Alle übrigen Parameter blieben unverändert:

Parameter Einstellung
Modell Suno v5.5
Weirdness 50 %
Style Influence 50 %
Ziel ungefähr 3 Minuten
Anzahl vier Versionen

Piano, Bass und Brushes sollten ausdrücklich nur begleiten. Keine weiteren Soli. Zumindest stand es so im Plan.

Vier Treffer bei der Songlänge

Schon der objektive Vergleich war eindeutig:

Version Laufzeit Abweichung von 3:00
V1 2:59,40 −0,60 Sek.
V2 2:56,81 −3,19 Sek.
V3 2:58,27 −1,73 Sek.
V4 2:57,89 −2,11 Sek.
Durchschnitt 2:58,09 −1,91 Sek.

Die vier Fassungen unterschieden sich nur um rund 2,6 Sekunden. Damit ist die erste Erkenntnis belastbar:

Kurze Lyrics führen in Suno v5.5 nicht zwangsläufig zu kurzen Songs. Eine ausführliche musikalische Form im Lyrics-Feld kann die gewünschte Drei-Minuten-Struktur sehr zuverlässig herstellen.

Eine bloße Zeitangabe im Style-Prompt hatte dafür nicht genügt. Erst die konkrete Folge aus Intro, Gesang, Solo, Rückkehr und Outro gab Suno offenbar eine Form, die das Modell musikalisch ausfüllen konnte.

Kann Suno länger improvisieren?

Auch die eigentliche Testfrage können wir im Grundsatz mit Ja beantworten. Die neuen Versionen enthalten deutlich längere Saxofonpassagen als die vorherigen Kurzfassungen. Die Improvisation ist nicht nur ein dekorativer Übergang, sondern erhält einen eigenen Abschnitt innerhalb des Songs.

Wichtig bleibt die methodische Einschränkung: Wir haben die Takte nicht einzeln ausgezählt. Deshalb ist nicht bewiesen, dass Suno die verlangten 32 Takte formal exakt eingehalten hat. Nachgewiesen ist aber die musikalisch entscheidende Fähigkeit, einen deutlich längeren Improvisationsraum innerhalb einer stabilen Songform zu erzeugen.

Die Stimme wird Teil des Ensembles

V1 zeigte besonders schön eine weitere Idee unseres künftigen Jazzstudios. Die Sängerin transportiert nicht nur den Text. Ihre Stimme gibt musikalische Impulse, antwortet den Instrumenten und wird selbst zu einem Bestandteil des Arrangements. Dazu kommen starke Breaks und eine insgesamt stärker vokal geprägte Dramaturgie.

Genau diese Rolle hatten wir uns für Gesang im Jazz vorgestellt: weniger starre Abfolge von Strophe und Refrain, mehr musikalische Kommunikation.

Und dann kam das Piano

In V2 tauchte erstmals ein Piano-Solo auf. Das war ausdrücklich verboten. Auch in V4 beteiligte sich das Piano stärker am Wechselspiel, als es der Prompt vorgesehen hatte.

Aus Sicht der Prompttreue ist das ein Fehler. Aus musikalischer Sicht war es eine Bereicherung.

V4 wurde nach dem ersten Hören zum Favoriten: überraschende Wendungen im Saxofonsolo, ein lebendiger Dialog zwischen Stimme, Saxofon und Piano sowie Drums, die mit Brushes angenehm unterstützend bleiben, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. V1 blieb als starke Alternative bestehen – mit präsenterer Stimme und besonders wirkungsvollen Breaks.

Damit entstand der vielleicht wichtigste Satz dieses Castings:

Suno hält sich nicht immer an die Besetzungsliste – aber manchmal ist genau der Musiker, der sich ungefragt einmischt, musikalisch eine Bereicherung.

Warum uns das an unser Rockstudio erinnert

Im Rock-Workflow hatten wir ein anderes Problem. Die spezialisierten Agenten arbeiteten so kontrolliert und führten die Ergebnisse so konsequent auf die Friday-Morning-Music-DNA zurück, dass Überraschungen teilweise verloren gingen. Deshalb entstand „Studio Jam“: ein virtueller Studiomusiker, der bewusst etwas Unerwartetes ausprobiert.

Im Jazz scheint diese Offenheit schon stärker aus der Musikform selbst zu entstehen. Längere instrumentale Räume geben Suno offenbar die Erlaubnis, mehr Eigenleben zu entwickeln. Das ungeplante Piano ist damit nicht nur eine kuriose Abweichung, sondern ein Hinweis für die spätere Workflow-Architektur.

Vielleicht muss die Musik-DNA künftig weniger wie ein Rezept und mehr wie ein Entscheidungsmaßstab wirken. Nicht jede neue Idee sollte am Ende wieder vollständig in das Bekannte zurückübersetzt werden.

Die passendere Regel könnte lauten:

Bewahre die charakteristischen Elemente unserer Musik-DNA, ohne produktive Überraschungen und musikalisch starke Regelabweichungen automatisch zu entfernen.

Ergebnis: Test bestanden

Prüffrage Ergebnis
Erreicht Suno mit kurzem Text zuverlässig ungefähr drei Minuten? Bestanden – 4 von 4 Versionen
Kann Suno längere Saxofon-Improvisationen erzeugen? Im Grundsatz bestanden
Wurden exakt 32 Takte nachgewiesen? Noch nicht verifiziert
Kann die Stimme als instrumentaler Bestandteil funktionieren? Bestanden
Hält Suno die Solo-Rollen zuverlässig ein? Nicht bestanden
War die Regelabweichung musikalisch interessant? Eindeutig ja

Das Jazz-Casting hat damit nicht nur eine technische Frage beantwortet. Es hat uns daran erinnert, dass kreative Zusammenarbeit nicht allein aus möglichst genauer Befolgung von Anweisungen besteht.

Manchmal ist ein Regelverstoß tatsächlich ein Fehler. Manchmal beginnt genau dort die Session.

Und irgendwann bekommt auch der Drummer seinen eigenen Test. Versprochen.

Und hier eine kleine Probe aus dem Casting: