Vier instrumentale Jazzstücke, vier präzise Drei-Minuten-Formen, klare Saxofon- und Piano-Soli – und kein einziger Jazz-Walzer. Warum ein nicht bestandener Test unser virtuelles Studio trotzdem entscheidend weiterbringt.
Warum wir nach dem Blues plötzlich zählen wollten
Für das zweite Album von Friday Morning Music testen wir derzeit systematisch, welche Rollen Suno v5.5 in einem neuen virtuellen Jazzstudio übernehmen kann. Die bisherigen Castings hatten bereits einiges gezeigt:
- lyrische instrumentale Jazzballaden funktionieren,
- kurze Lyrics können durch eine ausführliche musikalische Regie zu vollständigen Songs werden,
- längere Improvisationsphasen sind möglich,
- Stimme und Instrumente können miteinander in einen echten Dialog treten,
- und manchmal spielt ein Instrument ungefragt mit – musikalisch durchaus zum Vorteil des Songs.
Nach Jazzballade, Medium Swing und Blues sollte Test 4 erstmals weniger die Atmosphäre und stärker die rhythmische Präzision untersuchen.
Die Frage klang zunächst einfach:
Kann Suno einen modernen instrumentalen Jazz-Walzer konsequent im 3/4-Takt halten?
Für uns war das keine rein akademische Übung. Bei früheren Versuchen mit Ballroom-Musik hatte Suno genaue rhythmische Vorgaben nicht zuverlässig umgesetzt. Ein Jazz-Walzer verbindet deshalb zwei interessante Anforderungen: Er lässt viel Freiheit für Improvisation, besitzt aber gleichzeitig ein eindeutig überprüfbares metrisches Fundament.
Der Arbeitstitel lautete: „Three Steps into Morning“.
Die Versuchsanordnung
Der Prompt ließ eigentlich wenig Interpretationsspielraum. Gefordert waren:
- ein strenger und klar hörbarer 3/4-Takt,
- ungefähr 132 BPM,
- ein durchgängiger Puls von EINS–zwei–drei,
- kein Wechsel in 4/4 oder 6/8,
- Tenorsaxofon, Flügel, Kontrabass und Brushes,
- ein wiederkehrendes viertöniges Motiv,
- je ein eigener 32-taktiger Solo-Chorus für Saxofon und Piano,
- eine anschließende Ensemble-Unterhaltung,
- Rückkehr zum Hauptthema,
- eine vollständige Drei-Minuten-Form mit klarer Schlusskadenz.
Die instrumentale Regiepartitur stand diesmal im Songtextfeld. Der separate Instrumental-Schalter blieb deaktiviert, weil Suno sonst kein Feld für die ausführlichen Formanweisungen bereitgestellt hätte. Gesang wurde deshalb dreifach ausgeschlossen: in der Partitur, im Style-Prompt und im Exclude-Feld.
Die übrigen Parameter blieben wie in den vorherigen Tests unverändert:
| Parameter | Einstellung |
|---|---|
| Modell | Suno v5.5 |
| Weirdness | 50 % |
| Style Influence | 50 % |
| Ziel | ungefähr 3 Minuten |
| Anzahl | vier Versionen aus zwei Generierungsläufen |
Überraschung Nummer eins: Instrumental funktioniert
Vor dem eigentlichen Walzertest gab es zunächst eine offene technische Frage: Würde Suno die Regieanweisungen als Produktionshinweise verstehen – oder einzelne Anweisungen singen und sogar einen eigenen Text erfinden?
Das Ergebnis war eindeutig positiv. Alle vier Versionen blieben vollständig instrumental. Keine Regieanweisung wurde gesungen, keine Stimme summte und Suno erfand keine Lyrics.
Auch die Form wurde bemerkenswert präzise getroffen:
| Version | Laufzeit |
| V1 | 2:58,01 |
| V2 | 2:58,68 |
| V3 | 2:59,50 |
| V4 | 2:59,76 |
| Durchschnitt | 2:58,99 |
In allen vier Fassungen sind sowohl ein Saxofon- als auch ein Piano-Solo klar erkennbar. Die Soli besitzen unterschiedliche Charaktere, die Dramaturgie entwickelt sich und das Ensemble klingt wie eine satte moderne Jazzbesetzung.
Suno hatte die Regiepartitur also keineswegs ignoriert.
Nur Walzer spielte es nicht.
Vier Versuche, kein Dreivierteltakt
Schon V1 war eindeutig kein Jazz-Walzer. V2 bestätigte das Ergebnis im selben Generierungslauf. V3 und V4 entstanden anschließend in einem zweiten Lauf mit identischem Prompt und unveränderten Parametern.
Auch sie blieben außerhalb eines durchgehenden 3/4-Takts.
V4 näherte sich der Vorgabe zumindest kurz an. Eine synkopierte Sequenz am Anfang erzeugt eine gewisse Dreier-Anmutung. Danach setzt sich jedoch kein stabiler Walzerpuls durch. Das Stück klingt stellenweise so, als hätte Suno verstanden, welche Oberfläche mit „Jazz Waltz“ gemeint sein könnte – ohne daraus ein verbindliches metrisches Gerüst zu machen.
| Prüfkriterium | Ergebnis |
| Rein instrumental | 4 von 4 bestanden |
| Keine erfundenen Lyrics | 4 von 4 bestanden |
| Ungefähr drei Minuten | 4 von 4 bestanden |
| Klare Saxofon- und Piano-Soli | 4 von 4 bestanden |
| Unterschiedliche Soloentwicklung | Bestanden |
| Durchgehender 3/4-Takt | 0 von 4 bestanden |
| Erkennbarer Jazz-Walzer | 0 von 4 bestanden |
Das Gesamturteil ist deshalb klar:
Test 4 wurde in seiner zentralen Anforderung nicht bestanden. Eine mehrfach wiederholte textliche 3/4-Vorgabe reicht bei Suno v5.5 nicht aus, um zuverlässig einen Jazz-Walzer zu erzeugen.
Hörlabor: Wenn ein gescheiterter Test gut klingt
Ein technisch nicht bestandener Test muss musikalisch nicht wertlos sein. Im Gegenteil: V3 entwickelte sich beim Hören zum klaren Favoriten.
Hörbeispiel 1 – V3: Der musikalische Testsieger
V3 überzeugt mit schönen Wechseln innerhalb der Soli, einem überraschenden Drum-Break und einem vollen, lebendigen Jazzklang. Als Jazz-Walzer fällt die Version durch. Als modernes instrumentales Jazzstück könnte sie trotzdem interessant für das Album sein.
Hörfrage: Darf ein Song weiterkommen, obwohl er die eigentliche Testaufgabe nicht erfüllt hat?
Was Suno versteht – und was nicht
Der Test zeigt eine auffällige Form selektiver Steuerbarkeit.
Suno versteht offenbar sehr gut:
- ob ein Stück instrumental sein soll,
- welche Instrumente beteiligt sind,
- wann Saxofon oder Piano solieren,
- wie lange ein Stück ungefähr dauern soll,
- wie sich Dynamik und Dramaturgie entwickeln sollen.
Deutlich schwieriger scheint dagegen eine musikalische Grundbedingung zu sein, die alle Beteiligten gleichzeitig und während des gesamten Stücks einhalten müssen: das Metrum.
Dabei wäre es falsch, Suno grundsätzlich mangelndes Rhythmusgefühl zu bescheinigen. Die vier Versionen sind rhythmisch keineswegs gleichförmig. Sie bewegen sich zwischen klassischem Swing, geraderen modernen Jazzgrooves und teilweise sogar Bossa-Nova-artigen Anmutungen. Suno kann also unterschiedliche rhythmische Charaktere erzeugen und musikalisch überzeugend variieren.
Das Problem ist präziser: Suno findet durchaus eigene Grooves, hält sich aber nicht zuverlässig an den konkret bestellten Dreivierteltakt. Es unterscheidet offenbar besser zwischen stilistischen Rhythmuswelten wie Swing oder Bossa Nova als zwischen einer frei interpretierten Groove-Idee und einer verbindlichen metrischen Vorgabe.
Gerade diese Beobachtung macht den Test besonders interessant. Das Modell reagiert kreativ auf den Wunsch nach rhythmischer Bewegung – nur nicht gehorsam genug auf die mathematische Struktur „drei Schläge pro Takt“.
Vereinfacht gesagt:
Suno kann gut entscheiden, wer wann spielt und welchen Groove die Band entwickelt. Weniger zuverlässig ist, in welchem Takt alle gemeinsam spielen sollen.
Ein weiterer Versuch mit lediglich noch mehr Text zum 3/4-Takt erscheint wenig sinnvoll. Die Vorgabe stand bereits positiv und negativ im Style-Prompt, in der Regiepartitur und im Exclude-Feld. Vier Versionen aus zwei Generierungsläufen verfehlten sie trotzdem.
Vom Prompt-Studio zum musikalischen Studio
Der nächste sinnvolle Schritt wäre deshalb kein neuer Wortlaut, sondern eine neue Art der Zusammenarbeit.
Bisher bestand unser Studio im Wesentlichen aus Gesprächen, Rollen, Entscheidungen und Prompts. Für metrisch präzise Musik könnte künftig ein zusätzlicher musikalischer Baustein notwendig sein: eine kurze Audiovorlage.
Die Idee:
Kreative Idee
→ Arrangement und Prompt
→ eindeutiger 3/4-Loop aus Piano, Bass und Brushes
→ Suno übernimmt Klang, Puls und Metrum
→ Solisten und Dramaturgie entwickeln sich darauf
Ein solcher Loop könnte acht oder sechzehn Takte umfassen. Er müsste noch kein fertiger Song sein. Seine Aufgabe wäre lediglich, das metrische Fundament hörbar und unverhandelbar vorzugeben.
Damit würde unser virtuelles Studio erstmals nicht nur mit Sprache arbeiten. Es gäbe der KI auch tatsächliches musikalisches Material – vergleichbar mit einer Band, die nicht nur hört „Spielt einen Jazz-Walzer“, sondern von der Rhythmusgruppe einen konkreten Groove vorgezählt bekommt.
Ob Suno diesen 3/4-Loop zuverlässig fortführen kann, wissen wir noch nicht. Das wäre ein eigener Nachtest. Die Audiovorlage ist deshalb keine bestätigte Lösung, sondern die nächste überprüfbare Hypothese.
Konsequenz für den späteren Workflow
Für das Zielbild unseres Jazzstudios entsteht damit möglicherweise eine neue Rolle:
Rhythm Section Designer
Dieser Spezialist würde nicht nur beschreiben, wie ein Rhythmus klingen soll. Er könnte bei metrisch anspruchsvollen Stücken zusätzlich einen einfachen Kontroll-Loop bereitstellen:
- Taktart,
- Tempo,
- Akzentstruktur,
- Basspuls,
- grundlegendes Brush- oder Drum-Pattern.
Der spätere Music Generator hätte dann zwei mögliche Produktionswege:
Freie Jazzproduktion
→ Prompt und Regiepartitur
Metrisch präzise Jazzproduktion
→ Prompt, Regiepartitur und Audio-Loop
Das wäre eine echte Erweiterung unserer bisherigen Studioarchitektur. Nicht weil Prompts plötzlich unwichtig werden, sondern weil Sprache allein nicht jede musikalische Information gleich gut transportiert.
Ergebnis: Nicht bestanden – und gerade deshalb wichtig
Test 4 hat sein Kernziel verfehlt. Kein Schönreden, kein nachträgliches Umdefinieren: Wir wollten einen Jazz-Walzer, und Suno lieferte keinen.
Gleichzeitig haben wir gelernt:
- Instrumentale Regie im Songtextfeld funktioniert.
- Ausführliche Formanweisungen werden zuverlässig umgesetzt.
- Getrennte längere Solorollen sind reproduzierbar.
- Ein guter Song kann aus einem gescheiterten Test entstehen.
- Für präzise Metrik benötigen wir möglicherweise erstmals mehr als einen Prompt.
Genau deshalb gehören auch nicht bestandene Tests in „Behind the Music“. Kreative Zusammenarbeit besteht nicht nur aus Erfolgsgeschichten. Sie wird dort interessant, wo eine Annahme scheitert und das Studio daraufhin seine Arbeitsweise verändert.
Oder anders gesagt:
Wir wollten drei Schritte tanzen. Suno spielte etwas anderes. Jetzt bauen wir vielleicht zum ersten Mal selbst den Boden.





